Leben und Werk

Kindheit und Jugend

Margerete Gerber wurde in Offenburg, Baden, geboren. Sie wuchs als eine von drei Töchtern des Offenburger Arztes Friedrich Gerber und seiner Frau Anna, geborene Stebel, auf. Beim Offenburger Zeichenlehrer Adolf Mangold erhielt sie privaten Mal- und Zeichenunterricht. Als Künstlerin nannte sie sich Gretel Gerber, nach ihrer Heirat Gretel Haas-Gerber.

Studium in Karlsruhe und München

Gretel Gerber schrieb sich 1922 an der Badischen Landeskunstschule in Karlsruhe ein. Hermann Gehri wurde ihr wichtigster Förderer und Lehrer an dieser Akademie. In der Karlsruher Zeit intensiviert sie die Kunst des Zeichnens und Aquarellierens, fertigt Akt- und Bewegungsstudien an. Holzschnitt, Illustration und Komposition lernte sie bei Ernst Würtenberger. 1925 wechselte sie an die Akademie der Bildenden Künste in die Malerei-Klasse des Spätimpressionisten Hugo von Habermann.

Erste Schaffensjahre und Frühwerk

Nach der Akademiezeit verlegte Gretel Gerber ihr Arbeitsfeld zunächst aufs Land, 1927-28 malte sie in Uffing am Staffelsee und in Bokel in der Lüneburger Heide Bildnisse, Landschaften und Stillleben. Ihre Bilder zeigte Kinder, alte und kranke Menschen, häufig in einfachen, bäuerlichen Lebensverhältnissen. In diesem ersten Werkkomplex brachte die Malerin die Spuren ins Bild, die Armut und Härte auf den Körpern und Gesichtern hinterlassen haben. Die einfachen, grob geometrischen Hintergründe sind ganz malerisches Äquivalent der "Ordnung der Dinge", aus denen mehrere Schichten (Alltagsobjekte, Kleidung, Frisur usw.) stufenweise heraustreten und im Gesicht konzentriert zur Darstellung kommen: in jenen Grimassen, die so typisch die Redeweise ins Bild setzen „sie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte“. Diese Bilder zeugen von Sympathie und Zuneigung für ihre Modelle. 1932 heiratete Gretel Gerber den damaligen Assistenzarzt an der Freiburger Universitätsklinik und späteren Offenburger Augenarzt Walther Haas. 1932 ist auch ein Jahr erstmaliger, öffentlicher und finanzieller Anerkennung. Sie beteiligte sich an einer Gruppenausstellung in der Kunsthalle Baden-Baden, wo ihr Bild „Armenhauskinder“ vom badischen Staat gekauft wurde.

Zwischenzeit (1933 bis 1967)

Nach ersten Erfolgen folgte im Herbst 1933 die Ernüchterung: In der Offenburger Messehalle wurde neben Arbeiten von Kollegen auch ihr Gemälde „Das Hütemädchen“ wegen „Verächtlichmachung des Bauernstandes“ beschlagnahmt. Geringschätzung und Spott begegnen ihr in Offenburg und in ihrer Familie. Die Geburt von fünf Kindern konzentrierte Gretel Haas-Gerbers Energie auf die Rolle als Mutter und Ehefrau. Der Zweite Weltkrieg verhinderte des Weiteren eine Rückkehr zur Kunst. Ihr Elternhaus wird bei einem Bombenangriff zerstört, ebenso, wie sie lange glaubt, ihre dort deponierten Bilder und Zeichnungen. In der Nachkriegszeit überwogen die Anforderungen des alltäglichen Lebens: Wiederaufbau des elterlichen Hauses, Mitarbeit in der augenärztlichen Praxis, Erziehung und Sorge um die Ausbildung der Kinder. Diese Zeit, in der sie nur wenig Zeit für künstlerisches Arbeiten fand, empfand sie als große Einschränkung. Ab den fünfziger Jahren nahm sie sich „Malferien“, fährt nach Italien, nach Paris, an den Bodensee und ins Allgäu. 1964 starb der Ehemann nach langer Krankheit. Nach 32 Jahren Ehe, Familie, Haushalt und Arztbetrieb suchte Gretel Haas-Gerber einen Neuanfang: Nach einem dreimonatigen, produktiven Malurlaub 1967 in der Türkei schrieb sie sich, 64-jährig, als Studentin in der Kunstakademie in Düsseldorf ein.

Düsseldorfer Zeit (1967 bis 1985)

In der Klasse von Professor Karl Otto Götz fand sie Freiraum zum Arbeiten. Kontakte und lebenslange Freundschaften mit jungen Kolleginnen und Kollegen entstanden. Die Düsseldorfer Jahre waren für Gretel Haas-Gerber eine Zeit des künstlerischen, kulturellen und politischen Aufbruchs. Sie reiste 1972 mit Freunden ihrer Kinder nach Indien, 1984 zu Künstlerfreunden nach Griechenland. In Düsseldorf entstanden große Ölbilder: Die Caféhaus-Serie, das Selbstbild „Ich und die Welt“, die Parkgänger, die Hausfrauenbilder, der Planspiel-Zyklus „Neutronenbombe“, die Biafra-Bilder, die Krankenhaus-Serie. Studienreisen führte sie nach Indien und Griechenland, in die Schweiz und nach Italien. Sie nahm an zahlreichen Gruppenausstellungen teil, hat Einzelausstellungen in Berlin, Bonn, Bremen, Düsseldorf, Hannover, Hamburg und Offenburg.

In dieser Zeit gelang ihr ein Neuanfang. Die spannungsgeladene Aufbruchstimmung und die kritischen Impulse jener Jahre geben ihr Schwung und neuen Mut. Anfang der 1970er-Jahre entstanden Bilder mit eindeutigen politischen Stellungnahmen. Im Bild „Cafehaus I“, 1973 sah man im Vordergrund „eine Gruppe draller Damen, deren voluminöse Körper mit opulenten Fettspendern wie Crèmeschnittchen oder Sahnetörtchen weiter aufgerüstet werden, während im Hintergrund ein Vorhang aufreißt und unzählige, offensichtlich verstörte, verletzte, verzweifelte Kinder in den Raum stürzen. Dieser Raum erfüllte eine makabre Doppelfunktion. Kaffeehaus ist er nur dort, wo die beleibten Repräsentantinnen des bundesdeutschen Wirtschaftswunders mit ihren Mokkatassen und Süßspeisen sitzen. Weiter hinten erweist sich der Saal als Leichenhalle, bestückt mit weißen Särgen, wobei offen bleibt, ob sie belegt sind oder erst noch die weinenden, schreienden Kinder aufnehmen sollen.“ (Michael Hübl)

Spätwerk (1985 bis 1996)

Gretel Gerber-Haas in den 1990er Jahren.

82-jährig, kehrte Gretel Haas-Gerber nach Offenburg zurück, setzt ihre künstlerische Arbeit kontinuierlich fort. Auch das politische Geschehen hatte sie weiter fest im Blick. Die Nachrichten vom jugoslawischen Bürgerkrieg geben Mitte der 1990er-Jahre Anstoß zu Bildern wie “Mutter, Kind beerdigend”. Vor allem das Thema des kriegsbedingten Leids Unschuldiger ließ sie nicht mehr los. Sie hatte es in dem großen Werkkomplex „Die Frauen von Lucca“ verarbeitet. Zunehmend spielte das Genre des Selbstbildnisses eine zentrale Rolle, prägte schließlich ihr Spätwerk. Selbst die zunehmende Erblindung kurz vor ihrem Tod wurde in großformatige Zeichnungen von gültigem künstlerischem Wert übersetzt. „So sehr sich ihr Schaffen auf ihre Zeitgenossen, auf das Verhalten oder die Schicksale anderer richtete, ungeschönt, manchmal überspitzt, verzerrt sogar, so sehr stellte sich Gretel Haas-Gerber doch immer wieder sich selbst gegenüber. Über sieben Jahrzehnte hinweg suchte sie nach der Wahrheit des eigenen Ausdrucks, nach ihrem eigenen inneren Bild. … Gerade in den allerletzten Arbeiten von 1997, einer Gruppe von zehn großformatigen Zeichnungen, nähert sich beides immer mehr an: Nahezu vollständig erblindet, findet sie in ihrer physiognomischen Vorstellungskraft und der Ahnung vom Zustand der Welt zu einer bildnerischen Gewissheit, die Innen und Außen umschließt.“ (Jochen Ludwig)

Auch in ihren letzten Lebensjahren behielt Gretel Haas-Gerber den Kontakt zum Ausstellungsbetrieb. Einzelausstellungen in Altenburg, Bad-Oldesloe, Bremen, Duisburg, Hamburg, Kirchzarten, Köln und Offenburg werden ihr gewidmet. 1997 erhält Gretel Haas-Gerber den Maria-Ensle-Preis der Kunststiftung Baden-Württemberg für ihr Lebenswerk. Am 20. Januar 1998 stirbt Gretel Haas-Gerber, umgeben von ihren Kindern, in ihrem Elternhaus.

Nach dem Tod blieb es kurze Zeit still um die Künstlerin. In 2000, 2003 und 2006 werden einzelne Werkphasen im Museum im Ritterhaus Offenburg vorgestellt. Sie waren Teil der Schenkung von Gemälden und Zeichnungen an die Heimatstadt Offenburg. 2007 zeigte die Städtische Galerie Offenburg eine umfassende Retrospektive unter dem Titel „Gretel Haas-Gerber. Ich und die Welt“. Der dazu erschienene Katalog kann als Standardwerk über die Künstlerin gelten. Seit Mai 2008 präsentierte die Städtische Galerie Offenburg die Sammlung Gretel Haas-Gerber als ständige, jährlich wechselnde Ausstellung. Das Lindenau-Museum in Altenburg zeigte im Sommer 2008 eine Ausstellung von Zeichnungen und Aquarellen zum Thema „Südliches Licht“.

Quelle: www.wikipedia.org